Beirut sei ein Ort, schreibt die Plattenfirma, "den der 20-jährige Amerikaner Zack Condon bestimmt gerne gegen seine eigentliche Heimat – Albuquerque, New Mexiko – eingetauscht hätte". Mag Albuquerque als das Helmstedt der Neuen Welt auch jeden Reiz vermissen lassen, aber in Beirut erinnert man sich nicht an einsame Trompeten, sondern an das Zischen der Geschosse; es heult nicht die Klarinette, sondern der Sprengkörper. Und Stille ist das Warten auf den nächsten Bombenhagel.

"Gulag Orkestar", das bemerkenswerte Debüt von Beirut alias Zack Condon, befasst sich mit osteuropäischer und vorderasiatischer Folklore.: Man sieht vorm inneren Auge zahnlose Greise in ihre Posaunen tuten und kurz danach betrunken vom Spelunkenhocker fallen. Man sieht ein fröhliches Akkordeonorchester, das den Csárdás-Tanz in einer zerbombten HSBC-Filiale vollführt: schwere Seele Osteuropas! Der ungebrochene Lebensmut der vom Schicksal und der Regionalpolitik Gebeutelten! Und doch ist "Gulag Orkestar" noch viel weiter entfernt vom Kitsch als jede progressive Speed-Polka-Combo: So baufällig, wie "Prenzlauerberg", "Bratislava" oder "Brandenburg" zusammengeholzt wurden, wundert man sich doch, wie naturbelassen die musikalischen Elemente den Aneignungsversuch aus Albuquerque, New Mexiko überstanden haben. Eine beeindruckende Platte.

Der Tonkopf in dieser Woche:

Schwein sein - +44 machen gefühlvollen Spaßpunk

HardChor - Jarvis Cocker ist zurück

Alles nur geklaut - Das neue Album der Lost Patrol Band ist überraschend eigenständig

Drüber reden? - Der Tonkopf hat hier im Forum seinen Platz

Nach Hause - Zuender. Das Netzmagazin