Zwar in ihrem Ursprung in der Hardcore-Szene entstanden, sind AFI sehr viel mehr als nur der Abklatsch früherer Helden. Aus der Hardcore-Szene hat die US-Band zwar immer noch eine gewisse Lebenseinstellung übernommen, die sich im Veganismus und drogenfreien Leben der Mitglieder zeigt, doch fahren sie auch musikalisch eine völlig eigene Schiene. Die typischen Punk-Riffs werden auf „Decemberunderground“ mit zum Teil fast schon kitschigen Industrial-/Wave-Elementen (z. B. in „Love like Winter) und gelegentlichen Elektronikeinsätzen und eingespielten Samples unterlegt. Über all dem schwebt Davey Havoks fast irreale Präsenz zwischen Depression und Wahnsinn. Theatralisch inszeniert er die Alben der Band immer als Ganzes – doch fast könnte man ihn als musikalischen Widerspruch in sich betiteln. Mit seinen femininen Gesichtszügen, dem hellen Teint und den immer stark geschminkten Augen könnte man ihn fast mit einer Frau verwechseln – doch kann diese zarte Person genauso grauenerregend kreischen wie ein Fabelwesen à la Gollum. Im nächsten Moment jedoch geht er dann wieder über zu fast opernhaftem und tiefem Gesang, spielerisch verbindet er Wörter miteinander und verleiht ihnen eine vollkommen neue, Havoksche Klangfarbe. Im Bruchteil einer Sekunde wechselt er feenhaft, ohne Rücksicht auf vorherrschende Tempi zu nehmen, von einer Stimmlage zu einer vollkommen anderen. Erst vor kurzem ließ dieser wandelnde Widerspruch das Publikum bei einem Showcase im Berliner Magnet vollkommen ausflippen. Dort sang das gesamte Publikum nicht nur die Songs des letzten AFI-Albums „Sing the Sorrow“ lautstark mit, die Myspace-Generation kannte selbstverständlich auch schon die Lyrics zum neuen Album. AFI steckt man entweder viel zu schnell in eine Schublade, oder verfällt ihnen bei genauerem Hören hemmungslos. AFI sehen über den suchtfördernden Charakter ihrer selbst als Band hinweg und singen: „You are now one of us”.

AFI, „Decemberunderground“ (Interscope / Universal)