Die Beziehung zu einem Buch ist wie eine Liebesgeschichte. Vielleicht ist sie deshalb so schwer zu beschreiben. Oft verstehe ich selbst nicht, warum es mich zu einem bestimmten Menschen hinzieht und warum ich genau nach diesem einen Liebhaber verrückt bin. Das "Hotel New Hampshire" habe ich meinem ersten Liebhaber geschenkt. Ich mochte die unmögliche Liebesgeschichte zwischen dem Ich-Erzähler John und seiner Schwester Franny, sie passte zu unserer Liebe, die eine immer wieder aufflammende, aber nie beständige war. "Bleib weg von offenen Fenstern", stand auf einer Postkarte, die mir dieser erste Liebhaber einmal schickte – es war ein Zitat aus "Hotel New Hampshire". Gemeint ist es als Warnung vor den Unberechenbarkeiten des Lebens – es ist eine Warnung, von der man weiß, dass man sie nicht befolgen wird. Auch das passte sehr gut auf uns beide, weil das Leben immer unberechenbar wurde, wenn wir zusammentrafen – obwohl wir das vordergründig vermeiden wollten.

"Bleib weg von offenen Fenstern" ist ein Ratschlag, an den sich auch in John Irvings durchgeknallter Romanfamilie niemand hält. Ein Vater verlässt sein vertrautes amerikanisches Idyll und zieht mit seinen vier Kindern nach Wien. Dort übernimmt er ein Hotel, das von Prostituierten und Anarchisten bevölkert ist. Ein Mädchen versteckt sich seit seiner Vergewaltigung hinter einem Bärenfell. Doch eines Nachts legt sie den Pelz ab und lässt die Liebe zu. Und Franny und John vögeln sich ihre Geschwisterliebe so lange aus dem Leib, bis sie bluten und endlich wieder nur Bruder und Schwester zueinander sein können. Die "offenen Fenster" bedeuten bei Irving manchmal Untergang, sogar Tod – meist stehen sie aber für einen Ausblick, einen Neuanfang.

Der versteckte Appell, aus dem Fenster zu springen, hatte für mich immer etwas Tröstliches. Auch wenn meine Vernunft, meine Erziehung und meine Umwelt sagten: "Bleib weg davon!" Ich fühlte mich nicht mehr so allein, wenn ich beobachten konnte, wie sich diese Romanfiguren durchs Leben manövrierten. Sie waren eine wunderbare Ersatzfamilie: eine, die etwas Zigeunerhaftes, Verrücktes und Unberechenbares hat. Menschen, die improvisieren, nicht planen. Und dann am Ende doch irgendwo ankommen. Manche Figuren erreichen erst nach ihrem Tod Bedeutung. Wie der furzende Haushund "Kummer", der als ausgestopftes verfilztes Mahnmal immer dann auftaucht, wenn keiner mehr mit ihm rechnet. In Irvings Wahlheimat Österreich gibt es das Sprichwort: "Die Sehnsucht is a Hund, sie läuft dir immer hinterher." Irving schreibt: "Kummer schwimmt obenauf."

Trotzdem scheint es immer irgendwie gut auszugehen bei Irving. Nicht im klassischen Sinne, sondern so, als ob sich ein verknotetes Fadenknäuel am Schluss wieder entwirrt. Auf dieses Irving’sche Happy End dürfen alle seine verunglückten, verrückten und versehrten Figuren hoffen. Manchmal wäre ich gerne eine von ihnen.

Ich habe das Buch so oft gelesen wie kein anderes. Warum? Vielleicht weil ich ein sentimentaler Mensch bin, vielleicht, weil es sich jedes Mal anfühlt wie Heimkommen. So wie es sich anfühlt, wenn ich heute mit meiner ersten großen Liebe spreche und ihm zum Abschied sage: "Bleib weg von offenen Fenstern." Und mich freue, weil ich weiß: Er wird es nicht tun.

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