2005 hatte eben erst begonnen, die Weihnachtsplätzchen waren verdaut, der Rausch der Silvestersause ließ langsam nach und schon war ich auf der Straße. Mit Tim Kasher und seiner Band The Good Life . Vor einem Jahr hatte ich sie in Hamburg gesehen und mich in die Band verliebt: Zwischen zwei Stücken hatte Sänger Kasher eine seltsam anrührende Rede gehalten. Es ging um Politik, die Gesellschaft, das Leben als Musiker, um Religion, seine Mutter und Gott. Das war ebenso ehrlich wie schizophren. Ich wurde sofort zum Fan.

Ich arbeitete als Tourmanagerin und glaubte schon alles gesehen zu haben. Doch The Good Life waren anders. In dunklen Bars und verrauchten Clubs tranken sie Whiskey, unterhielten sich über Literatur und Musik. Am Tag schauten wir uns die Stadt an, kamen dann pünktlich zum Soundcheck in den Clubs an. Rock’n’Roll stellt man sich anders vor. Eines Abends – wir waren schon drei Wochen unterwegs – fand ich mich mit Tim Kasher in einer kleinen schummrigen Kneipe wieder, jeder ein Glas Whiskey vor sich stehend. Er erzählte mir von Politik, der Gesellschaft, dem Leben als Musiker, von Religion, seiner Mutter und Gott – und von Literatur. Bis zum Sonnenaufgang nippten wir an unseren Whiskeys. Wir fingen an, Freunde zu werden.

Ein paar Tage später in einem Club in Leeds (England) drückte mir Tim vor der Show eine grüne Papiertüte in die Hand, flüsterte mir zu: "Ich habe ein Geschenk für dich." In dem Tütchen war "Ask the Dust" von John Fante .

Ich fing an, es während der Shows hinter meinem Merchandise-Tischchen zu lesen. Durch das Buch poltern der versoffene Schriftsteller Aturo Bandini und die Mexikanerin Camilla Lopez. Im von der Depression geprägten Los Angeles der dreißiger Jahre versuchen beide ihre Träume zu verwirklichen und sich selbst zu finden. Zufällig stolpern sie dabei übereinander. Bandini und Lopez erkunden Los Angeles, wie wir Europa erkundeten. In schummrigen Bars und schmuddeligen Diners.

Dieses Buch ist keine Road-Story . Trotzdem vermittelt es einem dasselbe flüchtige Gefühl, das man auf der Straße hat. Täglich muss man sich in einer anderen Stadt, einem anderen Land neuen, unlösbaren Aufgaben stellen: Einem kaputten Van, eingeschränktem Fährverkehr zwischen dem Festland und Großbritannien, ungebuchten Hotelzimmern und in letzter Minute abgesagten Schlafmöglichkeiten. Und wie wir uns skandinavischen Schneegestöbern und grimmigen Grenzbeamten stellen mussten, so muss sich Bandini jeden Tag durch das harte Leben in der Großstadt beißen, um endlich als Schriftsteller erfolgreich zu sein. Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Bandini und uns: Wir hatten Erfolg. Nach dem Konzert setzten wir uns mit unseren Whiskeys zusammen an einen Tisch und philosophierten über Geschichten wie die des Aturo Bandini.

Der versoffene Schriftsteller und Protagonist des Buches Bandini ist gleichzeitig pathetisch, wild und ungestüm. Immer wird er mich daran erinnern, wie es ist, in dunklen und verrauchten Bars mit fünf Bärtigen in Holzfällerhemden über Gott und die Welt zu reden. Wie es ist, Teil einer außergewöhnlichen Sache zu sein.