Eigentlich war es schon in meiner Vor-Pubertät bei vielen Dingen so, dass ich zwar wusste, was ich nicht wollte, aber nie so richtig, was ich wollte. Die Musik, die im Radio lief, war nicht mein Ding. Aber woher sollte ich wissen, wo es etwas Besseres gab? Keiner in meinem Umfeld, der es mir hätte verraten können. Der  Berliner Stadtteil, in dem ich aufgewachsen bin, ist bundesweit als Ghetto bekannt. Die Coolen hörten Gangsta-Rap. Wir Mädchen Whitney Houston.  

Bei der Auswahl der Bücher: das gleiche Dilemma. Mit Donald Duck fing alles an. Nicht mit Micky Mouse, dem alten Spießer. Dann kam die Enid Blyton-Phase, die irgendwann in die Stephen King-Ära überging. Ach ja, die Marion Zimmer-Bradley-Zeit nicht zu vergessen. Diese schlecht geschriebenen Fantasy-Schinken, in denen immer unglaublich viel Geschlechtsverkehr getrieben und beschrieben wird.

Dann verfranste es sich. Die Autoren kamen und gingen, irgendwelche. Es gab keine Inspiration. Das war unbefriedigend und öde. Und wieder der Gedanke: Ich muss irgendwas ändern. Wo ist die richtige Musik? Wo sind die richtigen Bücher?

Zwischenzeitlich hatte ich gelernt, wie man Fahrradschlösser mit den kleinen Schlüsseln auf den Fischkonserven öffnet, bei Karstadt Kleinkram klaut oder in einen Dachboden einbricht. Simone de Beauvoirs "Memoiren einer Tochter aus gutem Hause" hatten mich 50 Pfennig in der Bücherei gekostet. Dort gab es alte Bücher gegen eine kleine Spende. Es vergingen einige Jahre, bis ich es endlich aufschlug. Aber dann...

Sofort wollte ich wissen, was in diesem kleinen Mädchen vorgeht, das in einem Zimmer "mit weißen Möbeln" geboren wurde. Dieses Mädchen hatte Zornesanfälle, terrorisierte seine Familie mit seinen Macken und war offenbar sehr früh sehr reflektiert. Selbst wenn Simone de Beauvoir all diese Gedanken dem kleinen Kind, das sie war, nachträglich eingepflanzt hatte, wie Kritiker es ihr vorwarfen, interessierte es mich nicht. Ich liebte dieses ungezogene, rebellische Kind, ob es so existiert hat oder nicht.