Mein bester Freund und ich wurden früher oft von unseren Müttern an die frische Luft gescheucht. Dort schlüpften wir meist in die Rollen amerikanischer Serienstars aus Ein Colt für alle Fälle oder dem A-Team . Auch gern genommen: Bud Spencer, Terence Hill und Bundesligaspieler. Privatfernsehen hatten wir nicht, Kabel-TV hatte man an unserem Neubaugebiet vorbei verlegt. Für Bücher interessierten wir uns trotzdem kaum. Nur ein deutscher Autor regte unsere Phantasie an - Michael Ende. Mitte der achtziger Jahre schien er überall zu sein. Seine Bücher wurden zu jedem Kindergeburtstag verschenkt, Jim Knopf und Momo kamen per Augsburger Puppenkiste ins Fernsehen, und Die Unendliche Geschichte war neben ET und Dirty Dancing einer der größten Filmerfolge des Jahrzehnts.

Michael Endes Roman Momo war anders als seine übrigen Bücher. Er war nicht so leicht zugänglich wie Jim Knopf und auch ein bisschen seltsam. Das Buch erzählt von einem Mädchen, das in einem verfallenen Amphitheater am Rande der Stadt haust, und zu dem alle Nachbarn und Kinder kommen, um aus ihren Leben zu berichten. Zum Beispiel Momos Freunde Beppo Straßenkehrer, Gigi Fremdenführer und die Schildkröte Kassiopaia. Aber es gibt da auch die grauen Herren, die den Menschen die Zeit rauben und sie auf die Zeitbank schaffen wollen. Ein klassisches Gut-gegen-Böse? Ja, aber in einer Umgebung, die nicht weit entfernt war von unserer Realität. Das machte die Geschichte besonders.

An einem trost- und endlosen Nachmittag fingen wir an, nach den grauen Herren zu suchen. Nur wir konnten sie sehen, alle anderen ahnten nicht einmal, dass sie existierten. Wir bewegten uns vorsichtig in einer kalten und vergifteten Welt, die es zu retten galt – was uns natürlich jedes Mal gelang.

Momo hatte die Idee, die Zeit anzuhalten, um den grauen Herren die Zeit-Luft zum Atmen zu nehmen. Das fanden wir super. Wir schliefen morgens endlich mal so richtig lang oder kauften im Laden an der Ecke endlos Cola und Karamalz, statt in die Schule zu gehen. Michael Ende wollte uns mit seiner Geschichte wohl zeigen, dass in der Welt nicht alles so glatt läuft, wie wir geglaubt hatten. Denn die guten Bürger haben die grauen Herren selbst ins Leben gerufen und damit das Fremde und Kalte geschaffen. Ein etwas anderer Plot als bei Colt Sievers oder A-Team .

Momo raubte mir Gewissheiten. Vielleicht lag das an den seltsamen Überlegungen über die Zeit und darüber, was die Menschen mit ihr machten. Tocotronic sangen einmal "Michael Ende nur du bist schuld daran / Daß aus uns nichts werden kann / Du hast uns mit deinen Tricks / Aus der Gesellschaft ausgeXt ". Keine Ahnung, ob das stimmt. Aber dieser Roman passt gut hinein in viele Leben, die einsam und orientierungslos sind.