Der Detektiv trägt einen Hut und schläft mit dem Revolver unterm Kopfkissen. Er trinkt den ganzen Tag Whisky, kriegt jede Frau rum und hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen: "Sie können ihre albernen Spiegelgläser jetzt abnehmen. Sie sehen damit keineswegs aus wie Cary Grant."

Der Typ heißt Philip Marlowe und war vielleicht meine erste große Liebe – jedenfalls die erste Romanfigur, von der ich nicht genug kriegen konnte. Erfunden hat ihn Raymond Chandler, Schriftsteller, Drehbuchautor, Whiskytrinker.

Der erste Marlowe-Roman, der mir in die Hände fiel, war "Die kleine Schwester", und er hatte alles, was ein guter Krimi braucht: Ein zutiefst unmoralisches Los Angeles, in dem die Gangster noch Ganoven heißen, miese Filmproduzenten, die naive Jungschauspielerinnen aufs Kreuz legen, schmierige kleine Erpresser und korrupte Polizisten. Die Frauen sind unverschämt und verrucht, meistens tragen sie kleine Pistolen mit Elfenbeingriff in ihren Handtaschen. Für 25 Dollar am Tag stochert Marlowe für andere Leute im Dreck und macht sich unbeliebt, findet ganz nebenbei den Mörder, nur damit sich am Ende noch mehr Leichen türmen.

Die Welt von Chandler ist eine miese Welt; für ein paar Dollar verkauft jeder seine Großmutter, die Reichen verdienen ihr Geld mit dreckigen Geschäften, die Armen versumpfen in ihrem Dreck.

Mich hat das unheimlich beeindruckt. Während überall Nirvana lief und Jungs in Holzfällerhemden den Schulhof füllten, kaufte ich mir einen Trenchcoat und bürstete mir die Haare in Form. Mit aufgestelltem Kragen lief ich durch die Stadt, auf der Suche nach dunklen Gestalten am Ende der Straße. Zwar traute ich mich nicht in schmierige Bars und ließ mich eher selten mit Whisky voll laufen, aber das tat wenig zur Sache. Ich fühlte mich ziemlich verwegen. Ein einsamer Jäger in einer feindlichen Welt und manchmal Rächer der Enterbten. Denn so viel muss man Marlowe lassen: Trotz seiner schlechten Angewohnheiten steckt hinter der rotzigen Fassade ein zutiefst moralischer Mensch.