Wir telefonieren, seit er nicht mehr in der Stadt wohnt, kommt selten vor, dass wir uns mal vier Tage nicht sprechen. Hin und wieder gibt es diese Tage, an denen er anruft und im Hintergrund läuft das Closer -Album. Dann gehe ich zum Regal, suche auch das Album heraus und lege es ein. Nach ein, zwei, drei Versuchen läuft die Musik synchron, unsere Worte werden in Klang gebettet. Das sollte jeder mal machen, wenn er jemanden hat, mit dem er gerne telefoniert.

Er erzählt dann, wie es ist, umgeben von Menschen zu sein, die stolz sind auf ihre schlechte Laune, umgeben von Menschen, die gestresst sind von ihrem Job, die aber arbeiten, weil sie Geld brauchen für Dinge, die ihnen helfen zu vergessen, dass die Arbeit sie nicht befriedigt. Umgeben von Menschen, die nicht zu merken scheinen, dass es keinen Halt gibt, keine Wahrheit, keinen sicheren Grund, den man finden könnte und oft genug nicht mal Liebe. Aber vielleicht gibt es den Halt ja für die anderen, nur er findet ihn nicht. Er sitzt da wie unter einer Glaskuppel und kann niemanden berühren. Er sieht die Welt, aber es ist sinnlos, die Hand auszustrecken. Oder er erzählt von einer anderen Mutlosigkeit, oder von einer Gier, einer Sehnsucht, einer Ausweglosigkeit, von irgendwas, das zu Schmerz geworden ist.

Er spricht dann manchmal wie jemand, der nachts um drei zugedröhnt nach Hause kommt, einsam und bereit, einem Wildfremden sein ganzes Leben zu erzählen, um wenigstens für kurze Zeit diese Wand nicht mehr zu spüren, die ihn von allem trennt.

Wir sind zusammen in der Musik und ich bin froh, dass ich derjenige bin, den er anruft.

Nach 44 Minuten und 13 Sekunden wechseln wir langsam das Thema oder lassen das Album von vorne laufen. Es geht ihm dann besser, die Dinge haben sich nicht geändert, sondern sind für kurze Zeit auf seltsame Art leichter geworden. Seit Jahren haben wir nun dieses Ritual und hin und wieder gibt es Tage, an denen ich derjenige bin, der das Album auflegt, bevor er die Nummer wählt.